Das Duell im Tor
Maikel Aerts oder Thomas Kraft? Das ist die Frage, die Markus Babbel am Ende der Vorbereitung beantworten muss. Wer wird in der kommenden Saison das Trikot mit der Nummer 1 überstreifen? Werfen wir zunächst einen Blick auf…
1. Die Kontrahenten
Maikel Aerts
Alter 35, Größe 1,96 m
Vertrag bis 30.06.2012
Spiele auf Erstliganiveau: 127 (216 Gegentore)
120 Eredivisie (208 Gegentore), 7 Jupiler Liga (8 Gegentore)
Thomas Kraft
Alter 22, Größe 1,87 m
Vertrag bis 30.06.2015 (also 4 Jahre; über Ausstiegsklauseln, festgeschriebene Ablösesummen etc. ist nichts bekannt)
Spiele auf Erstliganiveau: 16 (20 Gegentreffer)
12 1. Bundesliga (14 Gegentore), 4 Champiosleague (6 Gegentore)
Die Frage, wem gehört die Zukunft und wessen Karriere ist bald vorbei stellt sich nicht (zumindest wenn man als positiv denkender Mensch davon ausgeht, dass Thomas Kraft nicht in Kürze zum Sportinvaliden wird). Das allein lässt jedoch noch keine Rückschlüsse auf die kommende Saison zu – mit 35 Jahren hat ein Torwart den längsten Teil seiner Karriere hinter sich, 2 bis 4 Jahre auf hohen Niveau sind aber durchaus noch drin. Vielleicht werden wir schlauer, wenn wir die Leistungen der letzten Saison betrachten.
2. Die Saison 2010/2011
Maikel Aerts
Was war ich froh, als die Verpflichtung von Maikel Aerts bekannt gegeben wurde. Meine größte Befürchtung vor der Zweitliga-Saison war, dass Markus Babbel diese, für Hertha so unglaublich wichtige, Saison, mit Sascha Burchert im Tor würde angehen müssen. Offenbar war Preetz und Babbel bei diesem Gedanken jedoch genau so mulmig, wie mir*. Und so schaffte es Hertha, den Torwart eines niederländischen Erstligisten zu verpflichten. Bis zu seiner Verletzung des Kreuzbandes, welche ebenso gut das Saisonende für Aerts hätte bedeuten können, war er dann auch in der Tat ein stabiler Rückhalt im Berliner Gehäuse. Nach der Verletzung … nun ja, war von katastrophal** bis okay alles dabei. Im Rückblick ist es durchaus wahrscheinlich, dass das Formtief in der ersten Hälfte der Rückrunde mit den Nachwehen der Knieverletzung zusammenspielte. Aerts gab erst kürzlich zu Protokoll, dass er erst in der zweiten Hälfte der Rückrunde wieder schmerzfrei gewesen sei (Kicker). Sicher wissen wir das aber nicht, und so gab es gab im Winter und Frühling 2011 durchaus Situationen, die Zweifel an der Erstligatauglichkeit von Aerts begründen könnten.
Thomas Kraft
Wer die Nachwuchsmannschaften des FC Bayern durchläuft ohne frühzeitig aussortiert zu werden, kann so schlecht nicht sein. Wer dann einen Profivertrag von den Bayern bekommt und mit knapp über 20 als 2. Torwart auf der Bank sitzt, gleich gar nicht. Thomas Kraft hatte in der letzten Saison gleichzeitig das Glück und das Pech, im Machtkampf zwischen dem sportlichen Leiter und dem Management des FC Bayern ein wenig aufgerieben zu werden. Keine Situation, die zu Topleistungen anspornt. Als van Gaal im Januar entschied, den erfahrenen Jörg Butt gegen den talentierten aber unerfahrenen Thomas Kraft auszutauschen, sah letztgenannter sich auf einmal ohne Rückendeckung der Vereinsspitze. Es kam was kommen musste: Kraft patzte 1-2 mal, sah sich plötzlich auch der Kritik von van Gaal ausgesetzt und hatte auf einmal alle gegen sich. Den Trainer, der ihn ins kalte Wasser geworfen hatte und die Vereinsoberen, die ihn lieber gar nicht erst ins Wasser geworfen, sondern weiter auf Jörg Butt gesetzt hätten. Nach der Entlassung von van Gaal stand dann auch ganz schnell wieder Butt im Tor der Bayern. So brachte es Kraft am Ende nur auf 12, statt der möglichen 17 Einsätze in der Bundesliga-Rückrunde. Kraft selbst bestreitet, beim FC Bayern gescheitert zu sein (Kicker). Ich denke er ist es. Der Anspruch der Bayern ist es, den besten Torwart der Liga im Tor stehen zu haben. Und an dieser Stelle hat Kraft zum jetzigen Zeitpunkt seiner Karriere keine Chance sich durchzusetzen. Nicht gegen Manuel Neuer. Und vermutlich gibt es noch eine ganze Reihe anderer Torwarte in der Bundesliga, die zum jetzigen Zeitpunkt routinierter und sicherer sind als Thomas Kraft. Er ist aktuell nicht der beste Torwart der Liga, damit erfüllt er nicht den sportlichen Anspruch des FC Bayern – und damit ist er dort gescheitert. Aber mein Gott, er ist 22 Jahre alt und unbestritten mit einem Talent ausgestattet, das noch eine extreme Leistungssteigerung nach oben zulässt. Und auch wer hier und heute nicht stark genug für den FC Bayern ist, kann für Hertha (und die Hälfte der übrigen Bundesligisten) eine erhebliche Verstärkung darstellen. Das ist die sportliche Realität des Jahres 2011. Und für Thomas Kraft ist das definitiv keine Schande.
3. Das Duell
Aber nun mal Butter bei die Fische, wen wird Markus Babbel als Nummer 1 in das Bundesligator stellen? Wie ich in diesem Blog im Rahmen der „Blätterwald“-Presseschau bereits an mehreren Stellen kundgetan habe, kann das in meinen Augen nur Thomas Kraft sein. Warum?
Zunächst einmal ist Kraft einer der talentiertesten jungen Torhüter, die das Land zurzeit zu bieten hat. Joseph Maier ist dieser Meinung, und Himmel noch mal, wer wird es wagen, dem Sepp, der wandelnden Torwartlegende zu widersprechen? Wie weiter oben schon einmal dargelegt gehört ihm die Zukunft, was jedoch keinen zwangsläufigen Schluss auf die Gegenwart zulässt. Aber wir erinnern uns: „Wenn zwei genauso gut sind, spielt der Jüngere“ war die Ansage von Markus Babbel vor der Saison 2010/2011. Ich denke, er wird sich in diesem Fall an seinen Ausspruch halten. Er muss also schon mal nicht besser sein als Aerts, es genügt wenn er hier und heute genauso gut ist.
Auf der Linie dürften Kraft und Aerts auf demselben Niveau spielen. Aerts hat vielleicht einen kleinen Vorteil durch seine Körpergröße, der von Kraft aber in punkto Reaktions-Geschwindigkeit und Sprungkraft egalisiert werden sollte.
Bei der Spieleröffnung ist Kraft Aerts in meinen Augen überlegen. Erstgenannter hat die Fähigkeit als letzter Mann mitzuspielen. Nicht nur als Torwart, der aus dem Tor stürmt, um eine Flanke „runter zu fischen“, sondern als Verteidiger mit dem Ball am Fuß, der aktiv in der Spielgestaltung mitwirkt. Genau in diesem Punkt, dem Spiel mit Ball, hat Maikel Aerts ein Defizit gegenüber Thomas Kraft. In einem modernen Spielsystem ist das Vorhandensein eines mitspielenden Torwartes ein ungeheurer Vorteil gegenüber einem nur in Notfällen herauseilenden Torwart, der ansonsten auf der Linie klebt. Dies ist der größte Vorteil, den Kraft gegenüber Aerts hat, und diesen kann Maikel Aerts auch mit noch so viel Erfahrung nicht ausgleichen.
Beim dirigieren der Abwehr scheinen beide Torwarte einen ordentlichen Job zu machen, zumindest legen das die Berichte aus der Vorbereitung nahe. Auffällig ist, dass Kraft es sich auch in seinem noch recht „zarten Alter“ zutraut, gestandene Abwehrrecken vor sich bei Fehlern zusammenzufalten (Berliner Kurier). Bislang scheinen die Kollegen für die Hinweise noch ganz dankbar zu sein, es bleibt abzuwarten, was passiert, wenn Kraft selbst patzt. In diesem Punkt würde ich sagen: unentschieden.
Das waren sicher nicht alle Kriterien (aber genügend, der Blog-Eintrag ist eh schon viel zu lang geworden), aber wie ich es auch drehe und wende, ich finde keine Kriterien, in denen Thomas Kraft Maikel Aerts unterlegen ist. Und deshalb wird er spielen. Kraft hat den FC Bayern verlassen, weil er sich nicht als Nummer 2 auf die Bank setzen wollte. Er hat sich Hertha ausgeguckt, weil er hier eine Chance zum spielen sieht. Ich denke nicht, dass Markus Babbel das Risiko eingehen wird, Thomas Kraft eine Saison lang zu vertrösten und/oder zu verprellen. Und aus diesen Gründen kann es in meinen Augen nur heißen: Die Zukunft gehört Thomas Kraft – und diese Zukunft beginnt am 6. August 2011 gegen den 1. FC Nürnberg.
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Meine Zweifel an den Fähigkeiten von Sascha Burchert gründen sich übrigens weder in den Spielen in der 1. Bundesliga, welche er 2009 in einer komplett destabilisierten Mannschaft über sich ergehen lassen musste, noch in seiner Bilanz im DFB-Pokal. Letztere ist im Übrigen stark verfälscht, da von den 6 Gegentoren, die er in seinem einzigen Einsatz kassiert hat, 4 im Elfmeterschiessen gefallen sind. Vielmehr sind es bereits die alles andere als überzeugenden Auftritte in der U23, bei denen man regelmäßig Schweißausbrüche erleiden musste, wenn der Ball in Richtung des eigenen Strafraumes rollte. Ich hoffe sehr für Burchert, dass da noch Entwicklungspotential ist. Für ihn wäre jedoch der Wechsel zu einem Zweit- oder Drittligisten, mit Aussicht auf Einsatzzeiten, die deutlich bessere Wahl, als zu warten bis Aerts seine Karriere beendet und Kraft sich verletzt.
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Das 1:2 für Union würde ich ihm noch nicht mal komplett anlasten. Da trägt die Mauer den Bärenanteil der Schuld. Beim KSC, gegen Cottbus und gegen den FSV Frankfurt jedoch sah er bestenfalls unglücklich bis unsicher aus. In dieser Saisonphase hat ihn wohl nur der starke Rückhalt im Mannschaftsgefüge und die Tatsache, dass die Offensive genug eigene Tore schoss, vor einer Verbannung auf die Bank gerettet. Hätten seine Unsicherheiten und Fehler außer gegen Cottbus zu weiteren Punktverlusten geführt, hätte Babbel ihn wohl nicht mehr stützen können. Ab dem 26. Spieltag stabilisierte sich die Leistung dann glücklicherweise wieder.